Trotz Kündigung noch am Ball? -

Die Zeiten nach dem Ausspruch einer Kündigung bis zum Vertragsende bzw. dem tatsächlichen Austrittsdatum sind schwierig, gerade bei langen Kündigungsfristen, wie sie nicht nur bei Juristen, Compliance Officers und Datenschutzexperten üblich sind.

Auf der einen Seite will das betroffene Unternehmen den Mitarbeiter noch längstmöglich halten, um für eine Nachfolgeregelung und eine reibungslose Übergabe Sorge tragen zu können. Auf der anderen Seite steht zu befürchten, daß der kündigende Mitarbeiter nach erfolgreichem Bewerbungsprozeß nur unnötig Unruhe in das bestehende Team bringt und ohnehin nicht mehr ganz am Ball ist, wenn es noch um seine derzeitige Aufgabe geht.

Wir blicken noch einmal in die Bundesliga und wieder zur Frankfurter Eintracht, die sich nach genau 30 Jahren heute wieder auf dem Römer zum DFB-Pokalsieger feiern lassen durfte. Und das mit einem Trainer, von dem 5 Wochen zuvor bekannt wurde, daß er ausgerechnet zum (damals aber noch nicht bekannten) Finalgegner wechseln würde. 

Am 13.04. wurde bekannt, daß Niko Kovac ein Jahr vor Ablauf seines 3-jährigen Vertrags zu Bayern München wechseln würde. Rein juristisch gesehen hat er aus einer vertraglich vereinbarten Ausstiegsklausel Nutzen gezogen. Für die Eintracht standen zu dem Zeitpunkt das DFB Halbfinale gegen Schalke sowie die letzten 5 Bundesligaspiele der Saison aus, eins davon gegen den künftigen Arbeitgeber des Trainers. 

Für viele Eintracht-Fans war die Sache klar: Kovac muß sofort gehen. Man nahm ihm übel, daß er sich „gegen“ die Eintracht entschieden hatte – noch dazu „für“ Bayern; mit ihm könne man die bevorstehenden Spiele nicht bestreiten. Aber das Team hielt zu ihm und hat trotzdem in 4 von 5 Bundesligaspielen verloren – auch das Spiel gegen Bayern – und damit die Tabellensituation verschlechtert. Verwunderlich? Wenngleich der Chef schon länger weiß, daß er gehen wird, muß sich doch das Team mit den Nachrichten erst zurechtfinden. Teamveränderungen bringen immer unruhige Zeiten mit sich, egal wie gut man vermeintlich vorbereitet ist oder wie sehr man mit der Veränderung ohnehin gerechnet habe. 

Das entscheidende Pokalspiel hat die Eintracht aber gewonnen – und damit auch den schlechteren Tabellenplatz zumindest mit der direkten Europaqualifikation wieder wett gemacht.

Kovac hat sich sicherlich sehr intensiv mit seiner neuen Aufgabe bei den Bayern auseinandergesetzt – und das schon Wochen vor der offiziellen Bekanntgabe. Das änderte aber nichts an seinem Commitment für die Frankfurter Eintracht. Wer hieran zweifelt, dem sei das Interview, welches er unmittelbar nach dem DFB-Finale gab, ans Herz gelegt. Selbstverständlich läßt es sich leicht(er) reden, wenn man das entscheidende Spiel gewonnen hat – aber auch mit einer Niederlage hätte man ihm nicht vorwerfen können, nicht alles für seine Eintracht gegeben zu haben.

Wie steht es um das Unternehmen, das, wenn es nicht selbst die Kündigung ausgesprochen hat, mit einer längeren Kündigungsfrist viel Zeit hat, die entstandene Personallücke zu füllen? Bewerbungsprozesse, intern wie extern ziehen sich in den allermeisten Fällen, bei kleinen und großen Unternehmen gleichermaßen. Auch hierauf kann (und sollte) man sich vorbereiten und  einen Plan B in der Hinterhand haben, um schnell die Nachfolgethemen angehen und lösen zu können. Sei es daß man aus den eigenen Reihen bereits Potentiale aufgebaut hat. Sei es, daß man den Markt kontinuierlich beobachtet, um dann schnell(er) handeln zu können. Der Eintracht kam ihr kontinuierliches Monitoring relevanter Trainer zu Gute: sie ist in der Kürze der Zeit in der Schweiz fündig geworden und hat den dortigen Trainer Adi Hütter, der die Berner Mannschaft in dieser Saison zum ersten Titelgewinn seit 32 Jahren geführt hat, für die neue Saison verpflichten können.

Zu kurz darf die Kündigungsfrist nicht sein. Die wichtigen Dinge und laufenden Projekte müssen zu Ende geführt werden können. Zu lange darf man den Mitarbeiter auch nicht halten. Unruhen im Team verstärken sich und neue Themen können ohnehin nicht mehr sinnvoll angegangen werden. 

Mit dem gestrigen Sieg ist Kovac‘ Aufgabe erfolgreich zu Ende geführt. Die Vorbereitungen auf die Saison 2018/19 hätte Kovac realistisch nicht mehr leiten können. Die Eintracht wird nach einer kurzen Sommerpause mit Adi Hütter ins Trainingslager für die neue Saison gehen, um dann im ersten Spiel der neuen Saison 2018/19 ausgerechnet wieder auf Altbekannte zu treffen: im Super-Cup-Spiel zwischen Bundesligameister Bayern und dem Pokalsieger Eintracht. Man sieht sich immer zweimal im Leben.