"Dress appropriately" - muß es denn immer schwarz/blau/grau sein? -

Ich saß kürzlich mit Stefanie Diller, selbständige Stil- und Image-beraterin zusammen, und wir haben uns über den nicht mehr ganz so neuen Dress Code bei General Motors unterhalten, den CEO Mary Barra Anfang des Jahres auf 2 Wörter reduziert hat: Dress appropriately. Kleide Dich angemessen.

An dieses Gespräch wollte ich in einem weiteren Telefonat anknüpfen und spezifisch mit ihr noch einmal über das vermeintlich „konservative“ Anwaltsumfeld sprechen.

Liebe Stefanie, schön, daß wir noch einmal sprechen können. Ich möchte gerne etwas mehr über den Dress Code im Juristenumfeld sprechen und steige direkt ein: Kleider machen Leute. Kann ich in Jeans und T-shirt als Anwalt meine seriöse Beratung anbieten?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wir hatten letztens über Mary Barras „Kleide Dich angemessen“ gesprochen. Das gilt auch hier: Wer ist mein Gegenüber, was erwartet man von mir, was will ich vermitteln mit meinem Auftreten, welchen Eindruck hinterlasse ich.

Ich berate sehr viele Rechtsanwältinnen, die genau in diesem Spagat leben, denn sie fühlen sich im klassischen Hosenanzug overdressed und verkleidet, Jeans und T-Shirt sind aber sicher ein bißchen wenig. Sollte es aber eine klassische dunkelblaue Jeans ohne Waschung sein, ein edles cremefarbiges Seidenshirt, gute Schuhe und wertiger Schmuck kann sie ihr Niveau auch dadurch an den Mandanten weitertragen. Ein Sakko wird ihre Kompetenz allerding immer weiter erhöhen, weil Blazer einfach die Klassiker der Businessmode sind und bleiben. Dunkelblau muss es meiner Meinung nach nicht immer sein, denn Farben haben ja auch eine enorme Wirkung und können die individuelle Persönlichkeit viel besser unterstützen. 

 

Die Farbwahl, vielen Dank für das Stichwort. Können wir einen kleinen Exkurs machen?

Farben haben eine unheimliche Macht, die von vielen unterschätzt wird. Man kann sie strategisch ganz bewusst einsetzen. Schwarz ist zum Beispiel sehr mächtig, aber auch distanziert und steht ja in Deutschland für Recht, Tod und Trauer. Also eher schwer oder negativ besetzte Gefühle werden damit vermittelt.

Rot ist zum Beispiel eine Farbe, die sehr polarisiert. Rot ist selbstbewusst, aktiv, bestimmt, laut, erotisch, dominant. Rot demonstriert Macht, den Mittelpunkt und Dominanz. Geschäftsführer und Manager tragen häufig rote oder rotgestreifte Krawatten zu dunkelblauen Anzügen. Das signalisiert ihre Position. Rote Kleidung verleiht Autorität. Ein normaler Angestellter oder Auszubildender mit roter Krawatte würde peinlich aussehen. Da würde manch einer lästern: „Der will sich wichtig machen“. Positiv an rot ist, dass diese Farbe Aufmerksamkeit zieht und dezent eingesetzt, Stärke und Selbstbewusstsein spiegelt.

Frau Merkel nutzt beispielsweise die Macht der Farben ganz bewusst. Sie trägt zu offiziellen Anlässen und Verhandlungen oft Rot. Zu dem Treffen mit der Hamburger Polizei nach dem G20 Gipfel mit seinen Ausschreitungen hatte sie allerdings ein frisches Grün an. Warum? Grün symbolisiert Vertrautheit, Entspannung, Hoffnung, Wachstum und Entwicklung. Deshalb wählen auch viele Krankenkassen und Heilpraktiker die Farbe Grün in ihren Logos. 

Und zur Automobilmesse hat sie schon öfter Pink oder Rosa getragen und damit mal ganz bewußt im männerdominierten Umfeld ihre feminine Seite betont. 

 

Du hast angedeutet, daß es Frauen viel schwieriger bei der Kleiderwahl haben. Reduziert es sich bei Männern wirklich nur auf Anzug ja/nein, Krawatte ja/nein? Welche Tipps hast Du beispielsweise für den Anwalt einer Kanzlei, der zum Mandantentermin geht? 

Männer haben es tatsächlich viel leichter. Ein klassischer blauer Anzug mit einem hellblauen Hemd, Krawatte und schwarzen Schuhe sind der Klassiker.

Kombiniere ich allerdings einen Slimfit Anzug mit braunen Schuhen und Gürtel, mit einem weißen Hemd und habe statt Krawatte ein Einstecktuch im Sacco, wirke ich schon viel moderner und lässiger, bin aber trotzdem sehr gut angezogen.

Bei den Männern sind es die Details, die oft das Outfit individuell machen. Allen voran die Silhouette plus gute Schuhe. Wie wäre es mal mit einem anthrazitfarbigen Anzug, der ein feines Karo im Stoff hat mit grauen Wildlederschuhen. Oder ein helles Hemd, das eine gewaschene und dadurch wenig formellere Oberflächenstruktur aufweist. Je nach Typologie jedes einzelnen gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Hemden mit passenden Kragenformen zum Gesicht, Gürtel, Saccos mit aufgesetzten Taschen. Im Winter kann ein feiner grauer Rollkragenpullover unter dem Sakko sehr gut aussehen, im Hochsommer ein etwas lässiger Anzug aus einer Baumwollmischung, der sportlicher daher kommt als feiner Wollzwirn.

Ach es gibt so viele Möglichkeiten, aber ich kann keinen Tipp abgeben, der für jeden Mann passt. Nur so viel: wenn ein Mann in Business Casual gehen mag, würden 3 Chinos und 3 Saccos in blau, grau und beigebraun eine super Basis bilden. Daraus ergeben sich 3x3 = 9 , also sehr viele Kombinationsmöglichkeiten.

 

Welche Tipps hast Du beispielsweise für den Unternehmensjuristen, der seinen Vertriebskollegen begleitet und in eine Vertragsverhandlung mit einem Lieferanten geht?

Wenn der Vertriebskollege sehr leger gekleidet ist, würde der Unternehmensjurist etwas steif aussehen, sollte er im klassischen Anzug mit schwarzen Schuhen kommen.

Ich würde in jedem Fall die Krawatte weglassen, ein sportlicheres weißes Hemd mit Button Down Kragen wählen und je nach Typ einen legereren Anzug aussuchen. Der Herrenschuh „Chelseyboots“ mit seinem knöchelhohen Stiefel, durch zwei seitliche Gummibandeinsätze gekennzeichnet, könnte ein spannende Alternative zu klassischen Schnürschuhen sein.

Wichtig ist auch die Aktentasche, sie wird immer sehr stark wahrgenommen und da steckt viel Persönlichkeit, Stil und Individualität drin. Es gibt da inzwischen auch Hersteller von hervorragenden Businessrucksäcken und es gibt auch tolle farbige Modelle in z. B. finde ich ein kräftiges Kobaltblau für viele Männer toll.

 

Stefanie, ganz herzlichen Dank für Deine Tipps und Deine Zeit!

Sehr gerne!

 

Stefanie Diller ist seit 15 Jahren selbständige Stil- und Image-Beraterin. Sie berät Menschen für ihr erfolgreiches und stilsicheres Auftreten. Mit einem Hintergrund in Modedesign hat sie für die Ottogroup, Gruner + Jahr und die Gala gearbeitet.

Sie veröffentlicht sehr regelmäßig in ihrem Blog zu Themen rund um die Mode sowohl im geschäftlichen als auch privatem Umfeld. 

 

 

Photo by David Pisnoy on Unsplash