"Dress appropriately" - ein Dresscode aus nur 2 Wörtern? -

Mary Barra, CEO von General Motors, hat kürzlich einen neuen Dress Code verkündet, der branchenübergreifend viel diskutiert wurde. Als großer Anhänger von KISS (keep it short and simple) war ich schon allein von dem Umfang der Richtlinie beeindruckt. Sie verkürzt sich auf: Dress appropriately. Kleide Dich angemessen. Was im Berufsumfeld angezogen werden darf, was angezogen werden kann, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Grund genug, mich mit einer Dame zu unterhalten, die sich auskennt: Stefanie Diller.

Stefanie Diller ist seit 15 Jahren selbständige Stil- und Image-Beraterin. Sie berät Menschen für ihr erfolgreiches und stilsicheres Auftreten. Mit einem Hintergrund in Modedesign hat sie für die Ottogroup, Gruner + Jahr und die Gala gearbeitet.

 

Liebe Stefanie, wir kennen uns über das Netzwerk „Working Moms“, ich darf auch für dieses Interview weiterhin beim „Du“ bleiben?

Aber gerne doch. Willkommen in Hamburg.

 

Du hast Dich vor 15 Jahren selbständig gemacht mit Deiner Firma und dem Label „Diller yourself“. Was verbirgt sich dahinter?

Meine Intention war und ist einfach: Ich möchte, dass Menschen gut aussehen, dass ihre Stärken und Kompetenzen sichtbar sind, sie sich aber gleichzeitig wohlfühlen in ihrer Kleidung, damit sie authentisch auftreten können. Denn mit einem authentischen und erfolgreichen Äußeren öffnet man sich ja viele Türen und hat es einfacher. Dafür berate ich sie, schaue auch ganz persönlich in ihren Kleiderschrank oder gehe mit ihnen einkaufen. 

Neben der Beratung für Privatpersonen halte ich auch Seminare und Vorträge für Firmen und deren Mitarbeiter, die sich einfach unsicher sind in ihrem Auftreten oder die Inspiration und Knowhow wünschen. Das sind ganz unterschiedliche Firmen- Versicherungen, Banken oder Firmen mit viel Kundenkontakt, Kanzleien oder Hotels. Letztlich geht es darum, dass die Mitarbeiter die Unternehmenswerte der Firma nach außen zum Kunden besser kommunizieren können.

 

Das ist ein interessanter Gedanke: mit Kleidung und Auftritt die Unternehmenswerte der Firma nach außen tragen.

Die klassische Kleiderordnung im Büro, die es einmal gab, ist schon länger dabei, sich aufzulösen. Seit einigen Jahren befreien sich immer mehr Unternehmen von starren Kleiderregeln, auch hier in Deutschland. Beeinflusst durch die digitale Welt und Strömungen aus dem Silikon Valley passen sich Konzernchefs wie Joe Kaeser bei Siemens Dieter Zetsche von Daimmler an den neuen Zeitgeist an und lassen ihre Krawatten bei öffentlichen Auftritten immer öfter weg.

Dresscodes werden sogar von Sparkassen wie der Haspa in Hamburg aufgehoben. Dort sind Jeans, Chinos, offene Hemden und Poloshirts erwünscht, um Nähe zum Kunden zu symbolisieren. Manch einer findet das gut, manch anderer ist aber auch irritiert, denn die gekonnte Umsetzung solch lässiger Business-Casual-Looks schafft nicht jeder. 

 

Früher war alles einfacher? Da gab es ja die Krawattenpflicht beispielsweise und klare Vorgaben. 

Das ist genau der Punkt, warum manche Unternehmen sich Regeln wie einen Dresscode wünschen. Viele Menschen kennen den Unterschied zwischen Businessbekleidung und Business Casual nicht oder haben Schwierigkeiten in der Abgrenzung. Der Nachteil eines Dresscodes ist natürlich, dass ich Menschen reglementiere, was nicht mehr in die heutige Zeit passt. 

Mary Barra, CEO von General Motors, hat sich dem Thema angenommen und einen Zwei-Wörter Dress Code entwickelt. „Dress Appropriately“. Kleide Dich angemessen. Was sagst Du als Fachfrau dazu?

Mary Barra hat damit eine große Welle ausgelöst. Ihr Hintergedanke ist, dass Menschen, die in bestimmten Positionen auf Managerebene sind, wissen sollten, was sie zu tragen haben. Sie möchte, dass sie eigenverantwortlich denken, arbeiten und eben auch dementsprechend auftreten.

Viele Mitarbeiter sind es aber gewöhnt, dass es konkretere Kleiderregeln gibt. Vor allem für Frauen kann es ohne Leitlinien schwieriger werden.

 

Mary Barra wird zitiert mit dem Satz „if they cannot handle ‘dress appropriately,’ what other decisions can they handle?”. Self-empowerment, sozusagen.

Das leuchtet sofort ein. Nun ist Stil und Geschmack aber leider nicht jedem in die Wiege gelegt. 

Ich habe in meinen Seminaren und Workshops die Erfahrung gemacht, dass ein Dresscode unheimlich viele positive Vorteile hat. Wenn ich als Manager oder als Firmeninhaber zu meinen Leuten gehe und sage, ihr tragt ab morgen alle den grünen Overall, dann haben die Leute keine Lust dazu. Wenn ich das aber im Workshop gemeinsam erarbeiten lasse, geht es um Anerkennung, um Teamzugehörigkeit, um Zuordnung und auch um Wertschätzung. Die spüren dann auch untereinander, dass es gar nicht so leicht ist, einen Dresscode zu entwickeln. 

Ich vermute, bei GM wird es den ein oder anderen Workshop gegeben haben, um das Thema weiter aufzudröseln. Mary Barra sagt ja auch, daß sich ihre Mitarbeiter nun im Team aktiv damit beschäftigen, gemeinsam überlegen, was in konkreten Situationen geht und was nicht. Sie bestimmen selbst. Es muss letztlich nicht um starre Regeln gehen, sondern darum, ein Gefühl für Kleidung und ihre Wirkung zu bekommen.

Naja, und für alle die, die damit noch nicht umgehen können oder etwas Unterstützung benötigen, gibt’s ja die Stilberatung ;-) 

 

Letzte Frage: Kleide Dich angemessen. Deutschland erlebt gerade eine Hitzewelle. Was ist denn bei 35ºC im eher konservativen Umfeld angemessen??

Am besten zieht man natürlich das Sakko aus- wenn es geht. Darunter sollte man aber bitte nie ein Kurzarmhemd mit bequemem weiten Ärmel tragen, das wirkt stillos im gehobenen Business. Stattdessen trägt man ein leichtes langärmeliges Hemd aus locker gewebtem Material - auch mal mit aufgekrempeltem Ärmeln. Übrigens: Bügelfreie Hemden haben fast immer eine Kunststoffbeschichtung, die einen noch mehr schwitzen läßt.

Grundsätzlich empfehlen sich bei Hitze Anzüge aus Baumwolle, die nur leicht oder gar nicht gefüttert sind und keine dicken Einlagen haben. Aber auch sehr feine Schurwolle (ab Super 140) ist ungefüttert sehr angenehm. Leinen knittert so stark, dass man Anzüge daraus trotz seiner kühlenden Wirkung nicht für Berufe mit sehr strengem Dresscode empfehlen kann. Auf Polyester und ähnliches sollte man in jedem Fall verzichten, auch nicht als Beimischung. 

Statt Hemd kann bei Herren auch ein gepflegtes Poloshirt funktionieren. 

Es gibt Socken aus Baumwollseidenmischung, die sehr angenehm leicht sind und Wildlederschuhe sind auch oft etwas leichter als Modelle aus Glattleder.

Für Frauen bietet sich eine größere Bandbreite: Für Anzüge und Blazerstoffe gilt das Gleiche wie für Männer. Zusätzlich könnten Frauen Hemdblusenkleider tragen, Seidenblusen, gepflegte Blusenshirts zu Zigarettenhosen oder luftige ausgestellte einfarbige Röcke. So lange die Farben dezent und harmonisch edel bleiben, gibt es viele Kombinationsmöglichkeiten.

 

Stefanie, ich habe noch so viele Fragen, auch zum Thema Dress Code gerade im Anwaltsumfeld. Vielleicht können wir uns demnächst wieder zusammensetzen? Mir hat es viel Spaß gemacht, mit Dir gemeinsam zu sprechen.

Sehr gerne!

 

 

Stefanie Diller veröffentlicht sehr regelmäßig in ihrem Blog zu Themen rund um die Mode sowohl im geschäftlichen als auch privatem Umfeld.

 

 

Foto: Yvonne Schmedemann